„Es ist schwer, das Glück in uns zu finden, und es ist ganz unmöglich, es anderswo zu finden.“ (Nicolas Chamfort)

Sehr geehrte Leserschaft,

„Guten Morgen!“ trällere ich durch den Flur, denn ich durfte heute ausschlafen und bin somit bester Laune. „Habt ihr auch schon alle Euer Penicillin genommen?“ rufe ich aus der Küche, während ich mein Penicillin nehme. Aha, der Thronfolger muss seines noch kriegen, der Göttergatte hat schon.

„Schnell!“, ruft der Göttergatte, „Die fangen gleich mit der Sprengung an!“

Hui! Das hatte ich ja fast vergessen…

Aber der Göttergatte hat uns zum Glück schon Plätze in der ersten Reihe, nämlich in der Live-Berichterstattung des Hessischen Rundfunks ergattert und so beginnt mein Morgen mit einem ordentlichen Knall!

So gefällt mir das.

Ich habe in diesem gerade gesprengten Uni-Turm natürlich auch mal ein paar Vorlesungen besucht und in unserer Küche steht immer noch eine Kaffeetasse, welche aus der Cafeteria des Ungetüms stammt. Da springe ich doch jetzt gleich mal auf und bereite mir einen Kaffee in besagter Tasse – zum Gedenken – und dabei schaue ich mir noch mal schön die Explosion an!

Eigentlich wollten wir bei der Rekord-Sprengung ja sehr gerne selbst vor Ort sein aber der Thronfolger und ich haben Scharlach. Der Göttergatte steht unter Scharlach-Verdacht. Wir schlucken alle Penicillin und verhalten uns ruhig.

Die Krankheit hat es ganz schön in sich: früher wurden die erkrankten Kinder sechs Wochen in Quarantäne gesteckt, bis alles auskuriert war.

Wie schön, dass wir hier und heute so einen guten Zugang zu Medikamenten haben! So lässt sich relativ schnell abhandeln, was noch vor hundert Jahren die schiere Existenz meiner kleinen Familie bedroht hätte. Wir hingegen dürfen alle am Montag wieder arbeiten gehen und sind schon seit gestern nicht mehr ansteckend.

Das Penicillin bzw. seine Wirkung wurde ja 1928 von Alexander Fleming zufällig entdeckt und getauft.

Alexander Fleming: „Penicillin – so ein Zufall!“

Das ist natürlich schrecklich ungenau. Es gibt nicht „das Penicillin“ sondern verschiedene Penicilline und überhaupt und so weiter aber das würde hier zu weit führen. Wir wollen uns lieber über das Serendipety-Prinzip freuen, welches dahinter steckt.

Wikipedia sagt: „Der Begriff Serendipität (englisch serendipity), gelegentlich auch Serendipity-Prinzip oder Serendipitätsprinzip, bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist. […] Serendipität betont eine darüber hinaus gehende Untersuchung, eine intelligente Schlussfolgerung oder Findigkeit.“

Man darf also nicht nur drüber stolpern, sondern muss auch offen sein, für neue Erkenntnisse und dann schlaue Schlussfolgerungen ziehen. Aber: es darf dabei nicht um das gehen, was man eigentlich gesucht hat. Serendipität lässt sich nicht planen!

Aber man kann seine Chancen erhöhen, indem man quasi aus dem Augenwinkel Ausschau hält, nach allem, was sich gerne als Erkenntnis präsentieren würde…

Der Begriff Serendipity lehnt sich an ein persisches Märchen aus dem Mittelalter an: Die drei Prinzen aus Serendip:

Die drei Prinzen auf ihrer Reise durch Serendip (später bekannt als Ceylon, dann als Sri Lanka)

Die Prinzen entdecken unterwegs so allerlei – während sie eigentlich etwas ganz anderes suchen. Diesem Effekt verdanken wir neben dem Penicillin auch Teflon, die Post-its und Amerika. Na gut, Amerika wäre uns früher oder später sicherlich aufgefallen… Da waren doch sogar mal irgendwelche Wikinger, oder?

Sei’s drum.

Wer suchet, der findet! Und früher oder später finden wir auch das Glück in uns – wenn wir dafür offen sind. Vielleicht, während wir gerade die Brille suchen, oder die Autoschlüssel, oder einen Parkplatz.

Mit scharlachroten Grüßen

Fräulein Bork

P.S.:

Hier sei der interessierten Leserschaft der Kurzfilm „Scharlach“ der geschätzten Astrid Rieger zu empfehlen.

Sie ist Regisseurin und Drehbuchautorin und hat vor vielen, vielen Jahren, noch im Studium, diesen Film gemacht, der so ruhig und liebevoll zeigt, wie manchmal einfach alles schief geht und doch geht alles immer irgendwie weiter.

„Scharlach“ von Astrid Rieger 2003

„Bio-Obst per E-Mail zu bestellen ist mein Luxus.“ (Judith Holofernes)

Sehr geehrte Leserschaft,

ich bekomme oft falsche Post. Also, per E-Mail.

Ich habe privat eine E-Mail-Adresse, die wohl häufig aus Versehen verwendet wird.

Ein Fenster zur Welt!

Fremde Briefpost würde ich natürlich niemals öffnen. Ich habe schon gezögert einen Brief zu öffnen, den das Finanzamt an meinen damals erst sieben Tage alten Sohn adressiert hatte – aber beim Finanzamt weiß man ja nie, da macht man besser schnell die Briefe auf, sonst kann das teuer werden.

Da mein Sohn seinerzeit in keinerlei Verfassung war, seine Post selbst zu öffnen (er hatte ja schon Mühe, seine Augen zu öffnen!), haben wir das also in elterlicher Sorgfaltspflicht für ihn übernommen. Das Finanzamt hatte ihm für alle Fälle schon einmal seine Steuernummer mitgeteilt, und ihn gebeten, das Schreiben abzuheften.

Aber zurück zu meinen E-Mails: ich habe also einen extra Ordner in meinem Computer, der „falsche Post“ heißt. Allein in den letzten zwölf Monaten habe ich 48 Nachrichten bekommen, die für jemand anderen gedacht waren.

Da geht es dann zum Beispiel darum, wann mir der Kühlschrank geliefert wird, den ich gar nicht bestellt habe. Oder jemand aus einer Finanzmanagement-Firma in Magdeburg hat mich in seinen Kumpel-Verteiler aufgenommen und sendet mir zotige Witze in der Annahme, ich wäre einer von den Jungs.

Zur Weihnachtszeit bekomme ich jetzt viele Einladungen von Menschen, die ich nicht kenne. Britta und Michael gefallen mir: die feiern am Samstag eine riesen Sause – sie werden 50 und 55 – und alle müssen im Weihnachtskostüm kommen! Toll! Leider haben sie nicht dazu geschrieben, in welcher Stadt das ganze statt findet…

55 ist ein scharfes Alter

 

Eine Immobilienfirma aus Frankfurt will mit mir besprechen, wie man in der freiwerdenden Wohnung in Ludwigshafen noch schnell Laminat verlegt und dabei das Angebot des Schreiners doch sicher noch um ein Drittel drücken könnte.

Eine liebenswürdige Dame aus Erlabrunn fragt mich, welche Hunderassen bei einer Tierhaarallergie in Frage kommen.

Einmal hat man mir sogar eine Röntgenaufnahme geschickt:

falsches Röntgenbild – was das wohl ist?

 

Ich bekomme aber auch schönere Fotos zugesandt, zum Beispiel Familienfotos vom Naturerlebnispfad an der Ostsee oder vom Urlaub in China. Aber da muss ich dann doch ein wenig die Privatsphäre meiner Brieffreunde und Brieffreundinnen schützen.

Übrigens: Falls sich der Besitzer des Buchungskontos 4967058164 fragt, wo die ganzen Rechnungen immer landen – bei mir!

Ein Mann namens Aris sendet mir ständig Immobilienempfehlungen im Stuttgarter Raum zu. Will der mit mir ein neues Leben anfangen, in den vier bis sechs Zimmern? Aber ich liebe doch den Göttergatten und den Thronfolger! Ich weiß auch gar nicht, ob mir Stuttgart so gut gefällt.

Irrtümlich war ich letztes Jahr für die Verpflegung einer Konfirmandengruppe aus Hagenburg eingeteilt worden, der Pfarrer hatte aber ein einsehen mit mir, weil doch die Anreise recht weit gewesen wäre.

Und Steffi aus Chemnitz denkt, ich sei der Thorsten und bietet mir an, mir mit der Excel-Tabelle für meinen Stundenzettel zu helfen.

Heidi und Detlef denken hingegen, ich sei der Kalle und teilen mir mit, dass sie leider nicht zu meiner Geburtstagsfeier kommen können, weil sie da schon ein Familienwochenende gebucht haben. Schade.

Manchmal lerne ich auch noch was: Neulich habe ich von der Vorbereitung auf die Industriemechaniker-Prüfung profitieren dürfen:

Prüfung zum Industriemechaniker oder zur Industriemechanikerin

Natürlich bei der Nr. 3!

Ich kläre die Missverständnisse nicht immer auf.

Die geneigte Leserschaft sieht ja selbst, was da alles zusammenkommt und meist merken die Mail-Schreiber und Mailschreiberinnen, ja selbst bald, dass die Nachricht nicht ankam. Wenn z.B. die Heidi schreibt, dass sie den Kalle ohnehin nochmal anruft, dann muss ich mich ja gar nicht erst einschalten.

Wenn ich aber zweimal von der gleichen Person Post erhalte, melde ich mich in der Regel schon.

Oder auch schon gleich beim ersten Mal, wenn ich merke, hier sind große Emotionen unterwegs.

Wie zum Beispiel: „Ich möchte Dich einfach nur kurz wissen lassen, dass die Tatsache, dass Du nicht offen kommunizierst, was mit Dir los ist, im Team recht aufgebracht aufgenommen und diskutiert wird.“ Da melde ich mich natürlich gleich zurück, bevor die Stimmung vollends kippt.

Aus Prinzip melde ich mich nicht zurück beim Buchungskonto 4967058164 und beim Industrie-Mechaniker-Prüfling – die sollen ihre Dokumente mal ordnen – ich glaube, es hackt!

Wobei ich vermute, dass es bei meinem Prüfling jetzt „Klick“ gemacht hat, da habe ich lange nichts mehr gehört – hoffentlich hat er oder sie die Prüfung bestanden!

Und manche Leute melden sich mit meiner Adresse einfach mal zu Foren an, von denen sie nicht vollgespamt werden wollen. Dafür werde ich dann vollgespamt. Dankeschön!

Wenn man aber die eingetragene Email-Adresse hat, kann man sich zum Glück ein neues Passwort schicken lassen – und das Profil wieder löschen. Ruhe im Karton!

Aber ich vergesse immer, diesen Newsletter von dem Fitness-Studio in Köln abzubestellen. Das ist nicht gut. Immer wenn ich den kriege fühle ich mich dick und unbeweglich…

Seit Oktober bekomme ich auch Post auf polnisch. Das stellt mich vor neue Herausforderungen – denn ich kann kein Polnisch und mein gegenüber versteht offenbar kein Englisch.

Dank des Google-Übersetzers weiß ich aber, dass er mich für seine Schwiegertochter hält, die in Hamburg arbeitet und dass er nicht verstehen kann, warum ich nie antworte.

Das hat mich jetzt zwei Monate lang immer wieder beschäftigt, denn da liegt mir wirklich viel dran, dass es innerhalb der Familie und vor allem auch zwischen den Generationen harmonisch zugeht. In meiner Familie klappt das leider nicht so gut.

Da will ich wenigstens bei anderen nicht noch Missverständnisse hinzufügen. Aber meine englische Antwort-Mail stieß auf taube Ohren und an das Polnische habe ich mich nicht heran getraut. Ich kann da schon auch schüchtern sein…

Heute erfahre ich allerdings, dass eine Verwandte der polnischen Familie in Lebensgefahr schwebt! Jetzt habe ich mit ach und Krach eine polnische Mail verfasst, um den Sachverhalt zu erklären. Die arme Schwiegertochter sitzt ja in Hamburg und weiß von nichts!

Und endlich haben wir uns verstanden, gerade habe ich die Mail von meinem Schwiegervater in spe erhalten:

polnische Post

 

Übersetzt heißt das sowas wie:

googelige Übersetzung

 

Halleluja!

 

Z poważaniem

Fräulein Bork

 

P.S.:

Hier noch ein wunderschönes Bonbon zum Schluss: „Ein Kuss mit Liebe“ aus dem Film „Fräulein, falsch verbunden“ von 1931/32

„Kinder, in ihrer Einfalt, fragen immer und immer: Warum? Der Verständige tut das nicht mehr – denn jedes Warum, das weiß er längst, ist nur der Zipfel eines Fadens, der in den dicken Knäuel der Unendlichkeit ausläuft, mit dem keiner recht fertig wird, er mag wickeln und haspeln – so viel er nur will.“(Wilhelm Busch)

Sehr geehrte Leserschaft,

 

ich habe mich mal wieder verhaspelt. Ich habe mich schon des öfteren, um nicht zu sagen, ziemlich oft, verhaspelt. Doch bei all den Vorkommnissen der Verhaspelung, ist mir ehrlich gesagt nie aufgefallen, dass man auch haspeln kann.

 

Hier zeige ich für den geneigten Leser einmal die Haspel im Wandel der Zeiten:

Haspeln im Wandel der Zeiten

 

Zur Linken: die sechsarmige Haspel, zur Rechten: eine Kabeltrommel. Man könnte heutzutage also mit Fug und Recht behaupten: „Ich habe mich verkabeltrommelt.“ → höchst modern!

 

Ebensogut könnte man aber, falls alles ausgezeichnet läuft, sagen: „Ich bin eine sechsarmige Haspel! Ich habe alles unter Kontrolle, mir entschlüpft gar nichts! Bring it on…! Ha!“ -> Da würde man sozusagen das Klassische und das Moderne auf ganz entzückende Art miteinander verknüpfen.

 

Verhaspelt habe ich mich aber tatsächlich, weil ich einen ganz kindlichen Fehler im Denken gemacht habe, ich dachte nämlich plötzlich aus Versehen: Warum ist das denn eigentlich … ?

Ich hielt diesen unschuldigen Fadenzipfel gerade erst in Händen, da hüpfte auch schon schmetternd und donnernd das Wollknäuel der Unendlichkeit los…

So ein Mist…

Das kommt bestimmt vom vielen Studieren!

 

So viele Gedankenknäuel…

Für ebensolche Fälle (wenn mal wieder jemand gedankenlos Warum? gefragt hat) wurden kurz nach den Haspeln ganze HaspelAnlagen erfunden:

Haspelanlagen im Wandel der Zeiten

 

Aber fertig werden tun wir mit den Verstrickungen und Verwicklungen trotzdem nicht recht. Das hat Wilhem Busch mal wieder sehr gut beobachtet.

 

Sei’s drum. Vielleicht wird ja noch ein hübscher Pullover draus.

Mir und der geneigten Leserschaft wünsche ich aber, dass wir von weiteren Fragen verschont werden, bis der Sommer kommt. Oder zumindest der Frühling.

Denn bei Sonnenschein haspelt es sich doch deutlich angenehmer.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Fräulein Bork

„Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun.“ (Christian Morgenstern)

Sehr geehrte Leserschaft,

 

obigem Lattenzaun erging es leider schlecht.

 

In Morgensterns Gedicht, wird er nämlich von einem Architekten der Zwischenräume beraubt, dieser baut daraus ein Haus und setzt sich dann ins Ausland ab. Indessen wird der Lattenzaun, weil er „mit Latten ohne was“ so grässlich aussah, vom Senat eingezogen.

 

So!

 

So kann es einem gehen.

Sich dieser Tatsache gewahr, erklärt sich auch Morgensterns angespannter Blick:

 

Man beachte vor allem die sorgenvoll sich zusammen drängenden Augenbrauen.

Christian Morgenstern

 

Tatsächlich war der arme Mann aber auch beinahe zeitlebens lungenkrank und verstarb schon mit 42 Jahren.

Er hatte immer Grund, sich Sorgen zu machen: erst stirbt die Mutter, als er gerade zehn Jahre alt ist, dann schickt der Vater ihn zu Verwandten, später in die Militärschule. Und immer wieder Krankheit, weil die Mutter ihn damals mit Tuberkulose angesteckt hat.

Dann immer wieder Streit mit dem Vater, der Morgenstern nicht erlaubt, von seinen Freunden Geschenke anzunehmen, wie etwa die Finanzierung eines Studiums oder einen Kuraufenthalt in Davos.

 

 

Der gute Christian Morgenstern musste immer kämpfen. Daher wohl der sorgenvolle Blick.

 

Um trotzdem sein Glück zu finden vertraute sich Morgenstern über Jahre hinweg in großer Ehrerbietung Rudolf Steiner und seinen Lehren an.

Ich frage mich, ob das geklappt hat.

 

Immer, wenn ich an mein bevorstehendes Diplom denke, bekomme ich nämlich auch solche Falten, da zwischen den Augenbrauen. Ich sehe eigentlich gerade genauso aus, wie Christian Morgenstern, nur mit längeren Haaren.

 

Ich habe nämlich Angst. Prüfungsangst.

 

Neulich habe ich eim Prüfungsamt bloß die Formulare für die ‚Anmeldung zur Diplom-Prüfung‘ abgeholt. Mir ist gleich so schwindlig geworden, dass ich mich festhalten musste. In einem solchen Zustand kann ich keinerlei Informationen speichern und ich vergesse mitunter auch wie ich heiße. Gedanklich läuft nur: „Hoffentlich werde ich jetzt nicht ohnmächtig“ als Endlosschleife.

 

Angst haben ist blöd. Gerade, wenn sie irrational ist.

 

Deshalb bewundere ich auch tapfere Menschen viel mehr als Mutige.

Der Mutige hat keine Angst und kann getrost seine Heldentaten vollbringen.

Der Tapfere hat mitunter schreckliche Angst – und versucht, es irgendwie trotzdem zu schaffen.

Stück für Stück krebst der Tapfere voran – und wir wissen: Krebse laufen mitunter lustig.

 

Wer die Angst kennt und trotzdem lachen kann, den lob‘ ich mir! Den will ich herzen und küssen!

Man muss sich nämlich seine Lattenzaun-Zwischenräume bewahren!

Bloß nicht die Schotten dicht machen!

 

Der Morgenstern ist zwar nur 42 Jahre alt geworden, aber gestrahlt hat er doch!

 

Im Abspann möchte ich den geneigten Leser mit einem Gedicht Morgensterns in die neue Woche entlassen, dass wie ich finde, sein ganzes Leben zusammenfasst.

 

Mit freundlichen Grüßen

Fräulein Bork

 

Das Butterbrotpapier

 

Ein Butterbrotpapier im Wald, –

da es beschneit wird, fühlt sich kalt . . .

In seiner Angst, wiewohl es nie

an Denken vorher irgendwie

gedacht, natürlich, als ein Ding

aus Lumpen usw., fing,

aus Angst, so sagte ich, fing an

zu denken, fing, hob an, begann,

zu denken, denkt euch, was das heißt,

bekam (aus Angst, so sagt ich) – Geist,

und zwar, versteht sich, nicht bloß so

vom Himmel droben irgendwo,

vielmehr infolge einer ganz

exakt entstandnen Hirnsubstanz –

die aus Holz, Eiweiß, Mehl und Schmer,

(durch Angst) mit Überspringen der

sonst üblichen Weltalter, an

ihm Boden und Gefäß gewann –

Mit Hilfe dieser Hilfe nun

entschloß sich das Papier zum Tun, –

zum Leben, zum – gleichviel, es fing

zu gehn an – wie ein Schmetterling . . .

zu kriechen erst, zu fliegen drauf,

bis übers Unterholz hinauf,

dann über die Chaussee und quer

und kreuz und links und hin und her –

wie eben solch ein Tier zur Welt

(je nach dem Wind) (und sonst) sich stellt.

Doch, Freunde! werdet bleich gleich mir! –

Ein Vogel, dick und ganz voll Gier,

erblickts (wir sind im Januar . . .) –

und schickt sich an, mit Haut und Haar –

und schickt sich an, mit Haar und Haut –

(wer mag da endigen!) (mir graut) –

(Bedenkt, was alles nötig war!) –

und schickt sich an, mit Haut und Haar – –

Ein Butterbrotpapier im Wald

gewinnt – aus Angst – Naturgestalt . . .

Genug!! Der wilde Specht verschluckt

das unersetzliche Produkt . . .

 

Christian Morgenstern

„Ein Patriot ist jemand, der sein Vaterland liebt. Ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet.“ (Johannes Rau)

Sehr geehrte Leserschaft,

 

der Verlobte und ich hatten neulich während einer Busfahrt durch den verschneiten Winter eine potenziell hitzige Diskussion: Patriotismus – ok oder nicht ok?

 

Ich war der Ansicht, dass Patriotismus als Liebe zum eigenen Land eigentlich ok sein müßte, dass nur leider oft Idioten davon anfangen, die ihre Liebe auf bescheuerte Art und Weise zum Ausdruck bringen, zum Beispiel durch Fremdenfeindlichkeit und Verunglimpfung anderer Länder.

Der Verlobte war der Ansicht, dass er „positiven“ Patriotismus noch nie erlebt hat, sondern dass dieser nach seiner Erfahrung stets mit Nationalismus Hand in Hand ging.

 

Wikipedia sagt:

„Patriotismus wird heute allgemein von Nationalismus und Chauvinismus unterschieden, insofern Patrioten sich mit dem eigenen Land und Volk identifizieren, ohne dieses über andere zu stellen und andere Völker implizit abzuwerten. […] Inwieweit dieser Unterschied tatsächlich besteht und historisch wirksam wurde, ist in vielen Ländern umstritten.“

 

Wundervoll. Wir sind Wikipedia.

 

Die etymologische Untersuchung bringt uns auch nicht weiter, denn der Begriff hat sich einfach im Lauf der Zeit oft verändert und jetzt sucht sich jeder seine Lieblingsbedeutung aus.

Patria wird im allgemeinen übersetzt mit Vaterland, Vaterstadt oder Heimat und Patriotismus ist die Liebe dazu. Aber wie man das ideologisch für sich übersetzt, das ändert sich immer wieder.

 

Ich persönlich stamme ja aus einer Generation in der man sich geradezu schämte, deutscher Abstammung zu sein. Und auch heute noch läuft mir ein Schauer über, wenn ich gehisste Deutschlandflaggen sehe. Verbrannte Erde. Ich kann nicht verstehen, warum diese Leute das machen. Manche sogar außerhalb der Fussballsaison.

 

Wenn man sein Land lieben könnte, sagen wir, wie ein Familienmitglied: Man versucht, sich gegenseitig zu helfen, man kümmert sich, man spürt eine Zusammengehörigkeit und man fühlt sich miteinander zu Hause. Das könnte ich mir schön vorstellen.

 

Wenn ich an Patriotismus denke, habe ich immer Die Patriotin aus Alexander Kluges gleichnamigem Film (und Buch) im Sinn.

Da geht es um Gabi Teichert, die Lehrerin ist und die versucht, positives Material für den Geschichtsunterricht zu bekommen, damit sie es verbreiten kann. Denn das Material mit dem sie ansonsten arbeiten müsste, also die allgemein bekannte deutsche Geschichte, ist aus ihrer Sicht nicht verbreitungswürdig. Der Film ist von 1979.

Sie geht zum Parteitag der SPD und bittet die Abgeordneten – da diese an der Quelle zur zukünftigen Geschichte des Landes sitzen – mit ihr zusammen die Geschichte positiv zu verändern.

Sie gräbt nachts in der Erde und sucht im Untergrund der Stadt nach Spuren… „zu den entlegensten Zeiten kommt neues Unterrichtsmaterial hinzu. […] Gabi Teichert gibt sich Mühe.“ (A.K. in Die Patriotin)

 

Wenn man etwas oder jemanden liebt, dann gibt man sich Mühe.

 

Leute, die biertrinkend Fahnen schwenken und grölen kann ich nicht verstehen, zumindest hat das für mich nichts mit Liebe zu tun.

 

Seinen Müll nicht auf die Straße zu werfen, Fremden den Weg zu erklären, wählen zu gehen, Blumen zu pflanzen, Zivilcourage zu zeigen, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen, ein Sommerfest in der Straße zu feiern und auf die eine oder andere Weise Verantwortung zu übernehmen, zu versuchen, die Dinge mit Achtsamkeit zum Besseren zu wenden und so – das wäre ein Patriotismus, den ich mir wünschen würde.

 

Ginge das?

 

 

Mit freundlichen Grüßen

Fräulein Bork