„Geduld ist der Seele Schild.“ (Deutsches Sprichwort)

Sehr geehrte Leserschaft,

„Hallo“, sage ich in den Hörer, „Ich hatte ein Anruf-Sammel-Taxi bestellt und irgendwie kommt es nicht und es ist unglaublich gruselig hier, alle Leute sind weg, ich bin ganz alleine hier an der Haltestelle und es ist kalt und dunkel und ich wollte einfach fragen, ob es noch kommt oder ob es da ein Problem gibt.“

„Ja, wo waren Sie denn?!“

„Wie, wo war ich denn?! Ich war hier. Die ganze Zeit.“

„Nein.“

„Doch.“

„Der Fahrer sagt, Sie sind nicht zum Taxistand gekommen.“

„Nein. Ich stehe seit 20 Minuten an der Haltestelle für das Anruf-Sammel-Taxi (AST) 38, weil ich das AST38 für vor 10 Minuten bestellt habe. Da scheint es doch logisch, an der Haltestelle zu warten, direkt neben dem Schild wo AST38 drauf steht!“

„Die Sammeltaxis fahren aber nicht von den Haltestellen, sondern immer vom Taxistand.“

„?!“

„Ok, ist ja jetzt auch egal. Bleiben Sie wo Sie sind, ich schicke den Kollegen nochmal zu Ihnen.“

„Ich stehe direkt neben dem Schild.“

„Ja.“

„Von wegen: ’nochmal’…“

Fünf Minuten später bin ich komplett durchgefroren.

Der Taxifahrer kommt und sagt, als ich die Tür öffne: „Ich habe wirklich lange gewartet!“

Ich bin schon ziemlich schmallippig: „Ich war die ganze Zeit hier. Hier, wo das Schild steht. Hier, wo der Fahrplan hängt. Hier, wo die designierte Haltestelle ist!“

„Aber die Sammeltaxis fahren immer vom Taxistand.“

„Aber da war kein Schild.“

„Aber wir machen das immer so.“

„Aber woher soll ich das wissen? Woher sollen die Leute das denn wissen?“

„Wir machen das immer so. Nächstes Mal wissen sie es.“

Schilder regeln unser analoges Leben – und ich will Ihnen vertrauen können!

„Hm.“ Ich steige ein. Ich bin total sauer aber ich will nach Hause und endlich nicht mehr frieren. Ich setze mich nach hinten ins Taxi und merke erst da, dass ich mir die Rückbank mit der unfreundlichen Frau mit dem süßen kleinen Hund teilen muss, die bei mir um die Ecke wohnt.

Na toll!

Unfreundliche Menschen sollten überhaupt keine niedlichen Hunde haben. Damit ist niemandem gedient. Wenn man nicht angesprochen oder angelächelt werden möchte, ist es einfach ungünstig einen knuffeligen, lebensfrohen Welpen mitzuführen. Ich weiß wovon ich spreche, ich habe ein überaus niedliches Kind und ich werde auch permanent von Fremden angesprochen. Ist meistens gar nicht so schlimm. Oft gibt es sogar Geschenke für den Thronfolger. Neulich hat ihm ein netter Mann 30 Edelstahl-Grillspieße geschenkt. Etwas verwirrend, aber der Göttergatte, als einer der beiden rechtmäßigen Vermögensverwalter unseres Sprösslings, hat sich sehr darüber gefreut.

Ich bin immer noch sauer auf das Taxiunternehmen. Ich bin recht Schilder-folgsam. Ich parke nicht da, wo man nicht parken darf, ich füttere keine Enten, die ich nicht füttern soll und ich warte auf öffentliche Verkehrsmittel an den gottverdammten dafür vorgesehenen Haltestellen.

Ich hasse es, wenn die Dinge nicht so ablaufen, wie sie sollten. Dabei ist der Taxistand tatsächlich ein wesentlich besserer Abfahr-Punkt für das AST38. Längst nicht so weit weg vom S-Bahnsteig und längst nicht so nah am Waldrand, also wesentlich weniger gruselig. Ich bin ja nicht für eine sture Regelbefolgung, nur um der Regel willen, aber eine Neuerung sollte doch ordentlich und nachvollziehbar eingeführt werden.

„Malen Sie doch ein Schild.“, sage ich zum Sammel-Taxi-Fahrer, „’Abfahrt AST38 hier.’“

„Aber alle Leute wissen das.“, sagt der. Die unfreundliche Frau und der süße Hund nicken.

„Es kann doch nicht sein, dass ich die Einzige bin, die an der offiziellen Haltestelle gewartet hat.“, rufe ich. Betretenes Schweigen. Ich bin überzeugt, dass diese Menschen keine Ahnung von der Dunkelziffer der Leidtragenden haben. Es ist ja nicht jeder so kommunikationsfreudig wie ich.

Ich bin wohl gezwungen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen…

Fräulein Bork regelt mit einem kleinen Schild die Welt zum Besseren…

Vielleicht mache ich demnächst eine Crowdfunding-Aktion für ein wetterfestes, ordentliches Schild.

Mit wegweisenden Grüßen

Fräulein Bork

P.S.: Hier noch mein neues Lieblingsschild:

so wahr!

Ich glaube, Schilder sind mein neues Hobby.

Wer ein schönes oder lustiges Schild fotografiert hat, sendet es bitte an: post @kopflichter.de

Es wäre mir ein inneres Kirschblütenfest!

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