„Über Gräben, Gräserstoppel, und entlang den Rotdornhecken, weht der Trab der scheuen Koppel, Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!“ (aus ‚Junge Pferde‘ von Paul Boldt)

Sehr geehrte Leserschaft,

„Wo sind denn die richtigen Pferde?!“ ruft der Thronfolger. Er steht mit Schmollmund vor dem Gatter mit den beiden entzückenden Eseln und dem Zwergpony.

Ich sage: „Ich dachte, wir fangen fürs Erste mit denen hier an, schau mal wie süß die sind…“

„Nein! Ich will auf einem richtigen Pferd reiten!“

Puh.

Wir sind beim Kinderreiten auf dem Reiterhof. Der Thronfolger ist im Sommer erst drei geworden und hat noch nie auf einem Pferderücken gesessen.

Unsere freundliche Nachbarin kennt sich auf dem Reiterhof bestens aus und bietet an, mit dem Thronfolger ein freundliches Pferdchen auszusuchen. Die beiden verschwinden im Getümmel und ich verhelfe mir erst mal zu Kaffee und Kuchen. Als die freundliche Nachbarin mit meinem Nachwuchs zurückkehrt seufzt sie: „Also, er hat sich eins ausgesucht. Ich wollte ihm noch andere zeigen aber er war nicht mehr davon abzubringen. Eigentlich müsste das auch alles gutgehen. Aber ‚Leo‘ ist das größte Pferd, das wir haben…“

„Na toll!“, denke ich.

„Oh.“, sage ich.

„Oh.“, sagt der Göttergatte.

„Jaaaa! Das größte Pferd von ALLEN!“, freut sich der Thronfolger.

Gleich geht es los mit dem Herbst-Ausritt, der Thronfolger hat einen funkelnden blauen Reiterhelm bekommen und lässt sich todesmutig auf Leo hieven. Der Göttergatte steht links vom Pferd und ich stehe rechts. Wir können uns nicht sehen, das Pferd ist zu groß.

„Alles klar?“, rufe ich.

„Alles klar!“, rufen meine Männer.

Puh.

„Mama, wenn das Pferd rennt, musst Du einfach nebenher rennen, ne?“, erklärt mir der Thronfolger.

Hmpf.

Unser Trupp setzt sich in Bewegung und ich muss mich mit meinen kurzen Beinchen tatsächlich sehr beeilen, um Schritt zu halten. Der Thronfolger sitzt mit leuchtenden Augen und verschmitztem Lächeln hoch oben auf seinem Leo. Ich finde, die beiden geben ein erhabenes Bild ab und ich kann gar nicht glauben, wie mutig mein Sohn ist. Der Göttergatte und ich begegnen uns bei einem Engpass hinter dem Pferd und blicken uns an, wie nur stolze Eltern sich anblicken können. Dann fällt uns ein, dass ‚hinter einem Pferd‘ kein sicherer Ort ist und unsere Wege trennen sich wieder.

Ich lausche dem Trapptrapp der Pferdehufe und genieße die bunten Blätter in der Herbstsonne. Ich denke darüber nach, wie schön dieses Hufgetrappel klingt.

Ich komme zu dem Schluss, dass Reiten, Billard* und Pingpong, die akustisch schönsten Sportarten sind.

Auf dem Weg zurück zum Auto schläft der Thronfolger auf den Schultern des Göttergatten ein. Es sieht herzerweichend aus, wie er sich noch im Schlaf mit seinen kleinen Händen im Haarschopf meines Mannes festhält. Kein Wunder, dass der so mutig war, denke ich. Leo und mein Mann haben fast die gleiche Schulterhöhe, im Prinzip reitet mein Sohn, seit er sitzen kann.

Ein schöner Tag geht zu Ende und ich frage mich, ob ich nicht auf meine alten Tage noch reiten lernen sollte. Ich hätte jetzt nicht übel Lust, wie Lucky Luke, dem Sonnenuntergang entgegen zu reiten…

 

Mit freundlichen Grüßen

Fräulein Bork

 

*Ja, die geneigte Leserschaft kann es ruhig glauben: Billard – dieses Spiel mit den Kugeln auf dem grünen Filztuch-Tisch mit den Löchern – wird wirklich so geschrieben! Ich habe es im Duden nachgeschlagen! Es gehört zu den „rechtschreiblich schwierigen Wörtern“. Es gibt eine offizielle „Liste der rechtschreiblich schwierigen Wörter“! Die geneigte Leserschaft kann hier einmal hinklicken und sich ordentlich wundern!

http://www.duden.de/schwierige-woerter#O

Vor allem habe ich mich gewundert, dass auch Unmengen von Wörtern darauf stehen, die ich als unendlich einfach empfinde. Zum Beispiel ‚Autor‘, ‚Kuss‘ oder ’spülen‘ → ?!

Hier ein Beispieltext , den ich erarbeitet habe, um ihn bei Gelegenheit meiner Familie zu diktieren:

Heute Morgen krakeelte ich vor Wut: „Ich werde dich am Schlafittchen packen!“, aber eigentlich ging es nur um eine Lappalie. Voraussichtlich werde ich erst mal eruieren, inwieweit ich das in puncto ‚persönliche Ressourcen‘ wirklich als katastrophal erachte.

In jedem Fall werde ich Rückgrat zeigen.

Vor Kurzem wurde ich sogar kopfüber Mitglied des Chrysanthemen-Komitees. Ich habe prophylaktisch mein Portemonnaie versteckt…

„7. Regel: Die Kämpfe dauern genau solange, wie sie dauern müssen.“ (aus dem Film Fight Club)

Sehr geehrte Leserschaft,

So sieht derzeit ein beispielhafter Tag in meinem glamourösen Leben aus:

Mein Thronfolger streicht mir sanft durchs Haar, während ich ihm die Schuhe zubinde und mein Herz quillt über, vor Mutterglück. Dann fängt er an, zu kichern…

„Was ist denn?“, frage ich voller Glamourösität. „Ich habe Dir gerade ganz viel Spucke ins Haar gemacht!“, der Thronfolger quiekt vor Begeisterung.

Ich kann seine Freude nicht teilen.

Ich bin stocksauer.

Und ziemlich angeekelt.

Als wir bald darauf gemeinsam zum Auto laufen, bin ich immer noch total sauer. „Aber Mama, Du kannst doch einfach damit aufhören. Sei einfach nicht mehr sauer!“, sagt der Thronfolger.

„Hmpf.“, sage ich.

Als wir endlich beim Kindergarten ankommen – schon wieder viel zu spät – bin ich sauer, weil wir schon wieder viel zu spät sind. Wir finden einen Parkplatz am Ende der Welt und mein 15-Kilo-Kind besteht darauf, getragen zu werden. Ich nehme den Thronfolger stattdessen beherzt an die Hand und gehe schleunigen Schrittes Richtung KiTa, was den Kleinen rasch in den Laufschritt versetzt. „Mammmaaaaa! Sei nicht mehr sauer! Du musst nicht sauer sein, wenn Du nicht willst!“

Woher, um alles in der Welt, hat mein Kind solche Sprüche?!

Hab ich ihm das am Ende selbst erzählt? Was denke ich mir dabei?

Er hört sich an, wie so ein Emotions-Coach auf YouTube.

Ich liefere den Thronfolger in seiner „Glühwürmchengruppe“ ab, fahre nach Hause und esse zur Strafe alle seine Dinkel-Öko-Kekse und alle Bio-Früchteriegel auf.

Ha!

Fräulein Krümelmonster versucht, Ruhe zu bewahren!

Der Thronfolger testet gerade seine Grenzen aus, daher streiten wir momentan recht viel. Das ist für ihn ein ganz normaler Entwicklungsschritt. Für mich ist es einfach die Hölle.

Ich bin ein harmoniebedachter Mensch und ich nehme meine Erziehungspflichten sehr ernst. Außerdem liebe ich mein Kind inniglich.

Ich erwarte jetzt von einem Kleinkind keine Lobeshymnen, aber ich will natürlich auch nicht behandelt werden wie ein Fußabtreter.

Wo wir auch hinkommen, höre ich, wie offen, wortgewandt, mutig und propper, mein Sohn ist und was für ein strahlendes Lächeln er hat. Stimmt auch alles.

Aber zuhause ist es ein einziger Kampf. Das Schlimme daran: ich bin größer und stärker und ich habe fast immer Recht – aber ich darf nur auf intellektueller Ebene kämpfen (obwohl das ganze Adrenalin regelmäßig in mir aufsteigt) und die intellektuelle Ebene teile ich mit einem 2-Jährigen!

Grrrrrrrr!

Beständig und geduldig erkläre ich dem Thronfolger immer wieder die Grundsätze des sozialen Miteinanders:

  • deine Spucke ist nur in deinem eigenen Mund gut.

  • Popeln darfst du nur, wenn dich keiner sieht

  • was in Deiner Windel landet, muss in deiner Windel bleiben und darf nicht angefasst werden. Auch nicht, um es mir zu zeigen.

… und so weiter.

Ich hatte in meiner Geschichte als Mutter auch schon schlimmere Dinge im Haar als Spucke.

Trotzdem! Manchmal werde ich einfach so wütend, dass ich am liebsten das gesamte Mobiliar zertrümmern würde. Aber das hat ja alles Geld gekostet, also reiße ich mich zusammen.

Jedoch: Aufgestaute Wut tut auf Dauer keinem gut!

Fräulein Bork hat ganz viel Wut im Bauch – Grrrrr.

Jetzt kann man sich als Familienmutter nicht so viel Radikalität erlauben, wie das ein Single Mitte 20 durchziehen kann.

Daher besinne ich mich schließlich doch auf die weisen Ratschläge meines Sohnemanns: Ich könnte ja auch einfach aufhören, sauer zu sein. Das hat ja schon Shakespeare geschrieben: „Denn an sich ist nichts weder gut noch böse; das Denken macht es erst dazu.“ (aus: Hamlet).

Man kann im Grunde selbst entscheiden, wie sehr man sich aufreibt, wie man die Geschehnisse des Tages bewertet. Das ist dann keine unterdrückte Wut, sondern die Wut ist sozusagen abbestellt.

Die verpufft dann eben einfach so. Die wird nicht mehr gebraucht.

„In Wirklichkeit ist es so, dass jeder Mensch seine Gefühle selbst hervorruft. […] Ein Gefühl besteht […] aus drei Teilen:

A aus der Situation

B Ihren bewertenden Gedanken über die Situation und

C Ihrem Gefühl und Handeln

Wie Sie sich fühlen, hängt also nicht von der Situation oder Ihren Mitmenschen ab, sondern davon, was Sie über die Situation oder Ihre Mitmenschen denken.“

(Dr. Doris Wolf, Diplom-Psychologin, den ganzen Artikel kann man hier nachlesen.)

Letztendlich sind es ja auch meistens gar nicht so große Dinge über die man sich aufregt.

Und oft ist es auch so eine Potenzierung, die da stattfindet: zu wenig geschlafen, falsche Hoffnungen, was den Verlauf des Morgens angeht, Gehetze und Geheize zum ersten Termin des Tages und im Hinterkopf hat man noch so einen Satz, den gestern jemand gesagt hat und der einem immer noch irgendwie blöd nachhängt… Eine Hilfe wäre es sicherlich schon, wenn man jeden Moment für sich genommen bewerten würde.

Und im nächsten Schritt bekommt man es vielleicht wirklich hin, nicht so sehr zum Spielball der eigenen Gefühle/Gedanken zu werden, sondern einfach zu beschließen: Ich bin jetzt nicht mehr schlecht gelaunt. Ich ziehe zwar Konsequenzen, treffe Vorbereitungen, usw. aber ich lasse mir nicht durch einzelne Vorkommnisse den ganzen Tag versauen!

Als ich den Thronfolger später wieder abhole, schaut er mich prüfend an: „Du hast mich lieb.“, stellt er fest. „Stimmt.“, stimme ich zu. „Und Mama, ich habe dich auch lieb.“, sagt der Thronfolger. Und wieder quillt mein Herz über vor Mutterglück…

Na also, geht doch!

Mit freundlichen Grüßen

Fräulein Bork

P.S.: Eine weitere Methode, um glücklich zu werden, stelle ich in meinem neuen Video vor:

Dankbarkeit ist der heiße Scheiß! Schnell anschauen!

„Das Trainingsgelände war hier mein Heiligtum. Platzwart Erich Hage hat mit der Gartenschere das Unkraut gerupft. Wenn sich ein Rabe auf dem Rasen niedergelassen hatte, wurde der erschossen.“ (Hans Meyer über seine Fussball-Zeit in Jena)*

Sehr geehrte Leserschaft,

heute möchte ich über Ideen sprechen und darüber, wie sie unsere Gesellschaft prägen. Es wird auch eine Checkliste geben, mit deren Hilfe man konstruktive Ideen von hinderlichen Ideen unterscheiden kann. Und, wie immer, ist das Ganze eingebettet in mein verwunderliches Leben, daher wird es auch ein bisschen um Fußball gehen….

***

„Mach Dein Fenster hoch.“

… sage ich zum Göttergatten, als wir auf den Kreisel zufahren. Mein Fenster befindet sich bereits im Schließmodus und den Zentralverriegelungsknopf habe ich auch schon gedrückt – der schützt uns nämlich vor genau solchen Situationen: wenn draußen Verrückte herumlaufen und man selbst nur Schrittgeschwindigkeit fahren kann.

So kommen die wenigstens nicht in mein Auto rein – ich liebe den Zentralverriegelungskopf!

Der Göttergatte findet mein Verhalten übertrieben.

„Ach komm, die freuen sich doch nur…“.

„Mach Dein Fenster hoch!“, wiederhole ich in einem Ton, der den Göttergatten überzeugt. Jetzt sind wir bereits im Kreisel und draußen ist es so, als hätte unser Städtchen gerade ganz alleine den ersten Weltkrieg gewonnen.

Es ist aber nur eines von den WM-Spielen, das „wir“ gewonnen haben. Und gar nicht mal das Finale, sondern nur irgend so ein Achtel-Dings.

Die Einwohner unserer kleinen Stadt haben den Kreisel gestürmt und besetzt. Alle wedeln mit Fahnen und ein Mann steht mittig auf dem Kreisel-Dekorationshügel und stemmt seinen Klappstuhl in die Höhe.

Seine Silhouette vor dem Sonnenuntergangshimmel wirkt monumental.

Ich verlasse staunend und verwirrt die Stadt

… und hoffe, dass sie uns nicht das Haus abfackeln, weil wir keine Fahne raus gehängt haben.

Der Göttergatte findet meine Befürchtungen übertrieben.

Aber mal ehrlich: es ist ja nicht so, dass das Verhalten von Fussballfans von Rationalität geprägt wäre. Daher halte ich einfach einiges für möglich, im Rausch der Gefühle. Allerdings muss ich auch eingestehen, dass wir weder angegriffen noch gebrandschatzt wurden.

Trotzdem: ich hoffe, jetzt, da die Weltmeisterschaft gewonnen ist und alle guter Stimmung sind, können wir einmal in Ruhe über etwas sprechen, was mir von klein auf Kopfzerbrechen bereitet. Eines will ich vorweg schicken: Ich habe nichts gegen Fußball. Wirklich, gar nichts.

Es wäre mir ebenso suspekt, wenn die Dinge, die wegen des Fußballs passieren, wegen des Eiskunstlaufs geschehen würden oder wegen einer Apfelkuchen-Back-Olympiade.

Tun sie aber nicht.

Also lautet meine ganz und gar ernsthafte Frage:

Was ist denn das Besondere am Fußballspiel?“

Der Thronfolger weiß noch nicht, was ein Tor ist, aber er weiß schon, wie man es richtig ausspricht, nämlich „TOOOORRRR!!!!“

Ich glaube, ich habe es herausgefunden. Beziehungsweise habe ich es zuordnen können:

Es handelt sich hierbei um einen „Memplex“. Also eine Vernetzung einander bedingender Meme. Das Wort „Mem“ gehört überraschenderweise nicht zur Umgangssprache, deshalb hören wir kurz, was Wikipedia darüber sagt:

„Ein Mem bezeichnet einen einzelnen Bewusstseinsinhalt (zum Beispiel einen Gedanken), der durch Kommunikation weitergegeben und damit vervielfältigt werden kann. Dies trägt zur soziokulturellen Evolution bei.“

So, jetzt nur nicht schlapp machen mit der Konzentration!

Der Begriff „Mem“ ist ein Kunstwort und wurde vom Erfinder in Anlehnung an das Wort „Gen“ gewählt. Wikipedia sagt weiter:

„Im Unterschied hierzu werden durch Gene körperliche Eigenschaften von Individuen durch Fortpflanzung bzw. Vererbung weitergegeben; dies trägt zur biologischen Evolution bei.

In beiden Fällen sind bei der Weitergabe Veränderungen möglich und der Einfluss der Umwelt kann eine Verstärkung oder Unterdrückung der weiteren Verbreitung bewirken.“

Ob sich also eine Idee durchsetzt, ist von vielen Faktoren abhängig.

Schlüssigkeit ist weder ein Garant noch ein Hinderungsgrund für das Überleben einer Idee in den Köpfen der Menschen.

Dass das Endergebnis eines Fußball-Spiels so wichtig ist, dass es in die Nachrichten gehört, ist ein Mem.

Dass brave Männer, die ihre Frauen belächeln, wenn diese beim Krimi rufen: „Oh nein! Geh‘ nicht da rein!“ (Schatz, die können Dich nicht hören…) dann beim Fußballspiel zum Tier werden und voller Inbrunst den Fernseher anschreien: „SCHIESS DOCH DU IDIOT!!! SCHIESS DOCH!! ARRRGGHHH!“ und das dann aber selbstverständlich ist – das ist ein Mem.

Dass die Fußball-Weltmeisterschaft wichtiger ist, als die Weltmeisterschaft im Synchronschwimmen ist ein Mem.

Wir verlassen jetzt mal den Sport und blicken auf die Gesellschaft.

Unser gesellschaftliches Leben ist von Memen geprägt, ebenso wie unser Körper von Genen geprägt ist. Im Prinzip könnte alles auch ganz anders sein.

Wir könnten gestreift sein und einen leuchtenden Glühwürmchen-Popo haben.

Das würde ich außerordentlich wundervoll finden.

Oder wir könnten die Farbe Gelb verboten haben, weil sie sich immer so unanständig in den Vordergrund drängelt.

Wir könnten runde Häuser als Standardbehausungen wählen oder wir könnten durch viel zu viel Computerarbeit unsere Augen verkümmern lassen und dann über Generationen hinweg Fühler entwickeln. Oder wir könnten Fußball eines Tages wieder als Spezial-Interesse werten. Meme und Gene sind veränderlich.

Das es ohne Gene nicht geht ist ja irgendwie klar, aber anscheinend funktioniert eine Gesellschaft auch nicht ohne Meme. Wir brauchen anscheinend Ideen, die uns zusammenhalten.

Die Frage ist nur, ob diese Ideen konstruktiv sind, oder ob sie uns irgendwie knebeln.

Vera F. Birkenbihl** hat es so erklärt: ein Mem ist einer von vielen Filtern, die sich zwischen uns und die Wirklichkeit schieben. Durch diese Filter nehmen wir unsere Umwelt wahr. Wer sich ein möglichst klares Bild der Wirklichkeit zu machen versucht, der versucht auch, so viele Filter wie möglich loszuwerden. Sie hat eine Checkliste entwickelt, mit deren Hilfe man ein Mem erkennen kann. Folgende Punkte sollte man abklopfen, wenn man einer scheinbaren Gewissheit auf den Zahn fühlen will:

Wer alle Punkte abhaken kann, der hat ein Mem aufgespürt!

  • Mein Gedanke/Glaube ist gut / richtig / wahr
  • Er ist tugendhaft, das zu glauben
  • Das Kernthema ist ein Tabu („Das ist halt so.“)
  • Totale Intoleranz (tolerare = ertragen, erdulden, erleiden)

Ein Mem ist ein viraler Gedanke, er versucht, sich zu verbreiten.

Ideen gebären Ideen, darüber sprechen wir seit dem letzten Jahrhundert. Wenn eine Idee erstmal da ist, kann sie nicht mehr von außen ausgelöscht werden, womöglich vermehrt sie sich sogar.

Wenn sie sich in gigantischem Maße vermehrt, verändert sie unsere Gesellschaft. Das muss nicht immer etwas weltbewegendes sein. Mode ist ein gutes Beispiel. Aber Religion eben auch.

Je mehr Meme einer anderen Person mit meinen eigenen Memen übereinstimmen, desto besser komme ich instinktiv mit der Person klar. Sie hat den gleichen Mem-Pool.

Je strenger ein Regime, je mehr Opfer ich bringen muss, um in einer Mem-Gemeinschaft zu bleiben, desto mehr Menschen bleiben der Gruppe erhalten.

Zum Beispiel in einer Religion, Staatsform oder in der Arbeitswelt.

Der Göttergatte und ich bekommen uns regelmäßig in die Haare, wenn wir mutmaßeln, ob die Gesellschaft zusammenbrechen würde, sobald wir das bedingungslose Grundeinkommen einführen würden.

Ich glaube natürlich, die Gesellschaft würde erblühen!

Die Leute müssten weniger arbeiten und könnten sich menschlich besser in die Gemeinschaft einbringen, Ihren Interessen nachgehen, sich entfalten, einander pflegen und hegen und Kultur machen, ohne vor die Hunde zu gehen.

Der Göttergatte glaubt natürlich, die Mehrzahl der Leute würde auf der faulen Haut liegen! Niemand würde mehr den Müll wegbringen und alles würde den Bach runtergehen.

Da kommen wir nicht aus dem gleichen Mem-Pool und jedes Gespräch endet irgendwann schmallippig.

Ein Gedanke kann eng machen oder uns als Werkzeug dienen.

Sagt Frau Birkenbihl. Ich interpretiere: Es kommt darauf an, zu erkennen, ob ein Gedanke den ich habe, weiterhin in meinem Kopf wohnen sollte oder nicht. Das muss ich selbst entscheiden. Denn Gedanken sind von außen nicht löschbar.

Es lohnt sich sicherlich, die eigenen Meme gelegentlich ganz klammheimlich zu überprüfen.

Ist das, was ich gerade für wichtig halte, wirklich wichtig?

Ich das, was ich für richtig halte wirklich richtig, oder macht mir das Gegenteil einfach nur Angst?

Fräulein Zappa!

Ein spannendes Thema, ein weites Feld…

Ich verabschiede mich jetzt und gehe mit dem Thronfolger Fußball spielen. Die geneigte Leserschaft braucht sich nicht fragen, wer das Spiel wohl gewinnt – der Thronfolger lässt niemand anderen mitspielen. Für ihn ist das ein Sport, den man am besten mit sich selbst ausmacht. Ich bin nur zum Jubeln dabei.

Mit freundlichen Grüßen

Fräulein Bork

P.S.:

Hier zur Auflockerung ein 3minütiges Video – ein leuchtendes Beispiel für Leichtfüßigkeit: World Champion Honza Weber – entzückend, weil es mich auch an den Glühwürmchen-Popo erinnert!

* Das heutige Zitat stammt aus dem Buch „Lachen bis zum Abpfiff! – 800 extrawitzige Fußballwitze“ (S. 139), herausgegeben von Lisa Pertagnol und im Ravensburger Verlag erschienen.

Dieses Buch bekam ich als Überraschungsbeigabe zu einer Bücherlieferung, die ich in einem Antiquariat bestellt hatte.

Seither liegt es auf der Gästetoilette und leistet dort treue Dienste.

** Wer sich den kurzweiligen und doch knapp zweistündigen Vortrag auf You-Tube anschauen will (ist von 1999), der klickt hier und sei dazu auf’s Herzlichste ermuntert!

„Man soll ein Buch nicht nach dem Umschlag bewerten“ (Sprichwort)

Sehr geehrte Leserschaft,

man soll das zwar nicht, aber soooo verkehrt ist es anscheinend auch nicht. Zumindest nicht, wenn man genau hinschaut.

Es ist faszinierend, wie viel uns doch im Gesicht oder in den Klamotten geschrieben steht. Jüngst befand ich mich in einer Gruppe von fremden Frauen. In Dreier-Pärchen wurden wir gezwungen, Vermutungen übereinander anzustellen, uns selbst jedoch zu keiner Vermutung der anderen zu äußern. Familiensituation, beruflicher Werdegang, Karrierepläne und Hobbies wurden wild unterstellt – und bei der allgemeinen Auflösung kam heraus: sie stimmten fast immer irgendwie. Es war verblüffend.

Bis auf die Familiensituation, die war am schwersten zu erraten.

Wenn man ehrlich ist, ist das aber auch der am wenigsten planbare Bereich.

Man kann ja Kinder wollen oder nicht, aber ob, wann und mit wem man sie schließlich bekommt ist von so vielen Faktoren abhängig… Meiner Meinung nach unterliegt die Familienplanung der Chaostheorie.

Aber wir bilden uns eben gerne ein, wir hätten auch ein Wörtchen mitzureden.

Mir wurde übrigens unterstellt, dass ich gerne als Rucksackreisende in der Natur und in fremden Ländern unterwegs bin. Oh Fernweh!

Aus dem Archiv: Fräulein Bork (mit Rucksack!) hat sich damals in Nicaragua auf einem Markt etwas zu essen besorgt – und kurz darauf schrecklichen Durchfall bekommen.

Alle die mit mir bei der Veranstaltung waren, haben eine längere Familienphase hinter sich und wollen zukünftig etwas anderes machen als vorher. Wenn man ein Kind bekommen hat, ist das anscheinend so ähnlich wie ein Nahtodeserlebnis – man stellt das bisherige Leben in Frage.

Oft ist das bisherige Leben aber auch einfach nur unvereinbar mit dem neuen Menschlein. Meine Lust auf Wildnis musste ich zumindest sehr stark einschränken. In jedem Fall ist man raus aus dem bisherigen Trott.

Das Leben macht ja selten einen Stopp. Wenn es das aber tut – aus welchen Gründen auch immer, dann wäre man ja schön blöd, wenn man nicht die Weichen neu justiert.

Chaosforschung: Mandelbrotmenge: superschön!

Um nochmal auf die Chaosforschung zurück zu kommen: Am besten gefallen mir dabei die Mandelbrotmengen. Die geneigte Leserschaft erinnert sich da vielleicht noch dran: der lustige Name und die bunten Bilder im Physik-Unterricht…

Die Chaostheorie beschäftigt sich mit dem Moment, an dem aus chaotischen Systemen eine erkennbare Ordnung hervorgeht und andersherum, dem Moment an dem ein geordnetes System in ein Chaos kippt. Meistens hat das mit einer Vielzahl von Faktoren zu tun.

Wenn ein System sehr vielen äußeren Einflüssen ausgesetzt ist oder wenn große Kräfte wirken, ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, das wir nicht mehr vorausberechnen können, wie sich die Dinge entwickeln. So erklärt sich mein Leben wunderbar. Viele Einflüsse. Große Kräfte. Ordnung kippt in Chaos. Chaos kippt in Ordnung.

Ist in Ordnung.

Es gibt dazu das hübsche Beispiel von dem Schmetterling, der in Brasilien mit den Flügeln schlägt und zwei Jahre später ist daraus ein Sturm über Kansas geworden (vgl. „Schmetterlingseffekt“).

Wir lieben solche Bilder!

Weil sie poetisch sind und weil sie uns das Gefühl geben, dass wir mit unserem Leben einen Unterschied machen. Auch wenn wir nur mal eben mit den Flügeln schlagen.

Ein gutes Beispiel ist auch der Film „Lola rennt“, den hat die geneigte Leserschaft ja sicherlich schon längst gesehen. Hier ein bisschen Soundtrack, zur Erinnerung: Thomas D. und Franka Potente nahmen damals Geschwindigkeit auf mit dem Titel „Wish“

Wer das jetzt nicht bis zum Ende durch gehört hat: zum Schuss fällt immer der gleiche Satz

„Ich brauch‘ Dich doch auch nicht mehr als Du mich!“

Schlimm eigentlich, dass ‚brauchen‘ immer noch so uncool ist.

Das man immer darauf achten muss, nicht irgendwie bedürftig zu wirken. Selbstständig und souverän sollen wir mit den Ereignissen umgehen. Selbstbewusst alle davon überzeugen, dass wir den Erfolg mit Löffeln gefressen haben. Ist ja auch superschön – aber das kann man nicht ewig durchhalten.

Auf der eingangs beschriebenen Veranstaltung stellte ich fest: Es tut so gut, wenn man etwas gemeinsam macht, es tut so gut, wenn man sich austauscht,  wenn man sagt, was man braucht.

Es tut so gut, ein offenes Buch zu sein!

Offene Bücher vereinigt Euch!

Lasst uns eine gigantische Bibliothek werden!

Mit chaotischen Grüßen

Fräulein Bork

„“Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung“ (Heinz Erhardt)

Sehr geehrte Leserschaft,

So begann heute mein Tag, und zwar schon um 5:00 Uhr morgens:

Ja, der Thronfolger (in obigem Video durch den sympathischen Slimer verkörpert) ist nicht gut zurecht. Und wir sehen auch deutlich, was das mit mir macht…

He slimed me. Mein Sohn überschleimt mich. Ständig.

Wäh!

Ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr ich mich auf den Sommer freue, wenn nicht mehr dauernd alle krank sind. Kleine kranke Kinder sind – bei aller Liebe – wirklich eklig, weil sie einfach absolut gar keine Kontrolle über ihre Körperflüssigkeiten haben. Und in der Schnupfenzeit kommt da einiges zusammen. Mir ist jetzt jedenfalls nach Schutzanzug und Ganzkörperdesinfektion.

Ich habe auch schon recherchiert, folgendes Modell gefällt mir am Besten:

Grün ist ja sowieso meine Farbe!

Vielleicht kaufe ich auch gleich noch einen Anzug für den Göttergatten. Dann können wir uns abends immer gegenseitig dekontaminieren:

Dekontaminationsdusche – Hui, das sieht nach Spaß aus!

‚Kontamination‘ kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „Besudelung“ oder „Befleckung“ zum Beispiel mit Mikroorganismen oder auch Radioaktivität und so.

Kontaminationen gibt es aber auch in der Sprache.

Sie sind ein wichtiger Bestandteil der linguistischen Versprecher-Theorien. Wikipedia sagt sogar: „Sie gelten als die spannendste Versprecherkategorie“!

Ja – auch Versprecher (und Verleser) werden seit 1895 ordentlich untersucht! Und – ja – das ist spannend!

Wikipedia sagt weiterhin: „Beispiel für eine Kontamination von Wörtern ist: ‚Hinwaltspunkt‘ für „Hinweis/ Anhaltspunkt.“

Solche Gebilde nennt man auch ‚Kofferwort‘. Weil da der Sprecher und die Sprecherin hastig zwei Wörter in den Koffer gepackt haben und damit eilig zum Zug gerannt sind und beim auspacken haben die sich dann verheddert und gegenseitig besudelt und dann kommt zum Beispiel eine „Reisebegleitererscheinung“ heraus. Oder auch nur ein schlichtes „jein“.

Das geht aber nicht nur mit Wörtern sondern auch mit Phrasen und Sätzen – unser Titelzitat ist auch eine Kontamination. Ha!

Die sind auch total beliebt in der Politik und in der Satire. Da sind die dann aber volle Absicht und nicht mehr nur einfach unschuldige Unfälle bei der Sprachplanung.

Naja. Ist ja nicht so schlimm.

Mit dekontaminierten Grüßen

Fräulein Bork

P.S.: Könnte man ja auch mal wieder schauen…