„Eigentlich weiß man nur, wenn man wenig weiß. Mit dem Wissen wächst der Zweifel.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Sehr geehrte Leserschaft,

in den letzten Tagen denke und verwende ich ein bestimmtes Wort mit immenser Häufigkeit! Das Wort heißt „eigentlich“.

Ich weiß nicht, ob ich das gut finde.

Vor 15 Jahren – als ich noch jung und voller Energie war – war mein Lieblingswort: „sowieso“! Meine allererste Email-Adresse (damals, als ich noch kein Internet zuhause hatte, und mir in einem Internetcafé zu meinem reinen Amüsement so ein lustiges Internet-Postfach zulegte und alle paar MONATE nachsah, ob jemand geschrieben hatte) lautete „sowiesohanna@…“ (ich war damals ziemlich sauer, dass irgendjemand anderes schon hanna@… belegt hatte. Von all den 100 Leuten im Internet! Ausgerechnet!). Ich war Sowiesohanna! Passte sogar noch besser.

Und jetzt bin ich eigentlichhanna@selbstzweifel.de, oder was?!

Haha! Ich habe gerade einmal nachgeschaut und www.selbstzweifel.de gibt es tatsächlich! Schön.

Die Seite ist der Eingang zu einer anderen Seite. Die andere Seite ist aber verwaist, seit 2007. Wahrscheinlich wegen der Selbstzweifel. Oder aber wegen der mangelnden Resonanz. Man weiß es nicht. Eigentlich schade.

Aber ich kann es verstehen. In Zeiten in denen Zeit immer knapper wird denkt man sich irgendwann: wieso mache ich das eigentlich?Wenn dann das Leben keine guten Antworten parat hat, hört man eben auf.

Was bedeutet eigentlich „eigentlich“?

Eigentlich eine gute Idee.

Dazu müssen wir uns zuerst den Star des Wortes, nämlich „eigen“ anschauen. Das etymologische Wörterbuch sagt:

eigen Adj. ‘jmdm. (als Besitz) gehörend’, dann ‘einer Person oder Sache ausschließlich zukommend, für sie charakteristisch’ und daher auch ‘von besonderer Art, seltsam’, ahd. eigan (8. Jh.)“

Man hat dann irgendwann weiter gebastelt und ein „-lich“ angehängt. Das etymologische Wörterbuch sagt:

„mhd. eigenlich Adj. ‘eigentümlich, eigen, leibeigen, ausdrücklich’, eigenlīche Adv. ‘als Eigentum, ausdrücklich, bestimmt’“

Und zu guter Letzt hat man noch so ein „t“ mit hineingebracht, wie bei „öffentlich“ oder „ordentlich“, damit wir nicht alle ständig betrunken klingen, wenn wir sagen wollten: „eigenlich sind die öffenlichen Toilletten hier recht ordenlich…..“

Heute bedeutet es:

eigentlich Adj. ‘ursprünglich, wirklich’, als Adverb ‘in Wirklichkeit, genaugenommen’ und häufig partikelhaft ‘denn, überhaupt’“

Eigentlich ist also „eigentlich“ eine Art Rückbesinnung auf die Wurzel, auf den Kern, den Ursprung.

Seltsam. In der Bedeutungserläuterung erscheint das Wort irgendwie stark, ursprünglich, wirklich, das klingt überhaupt nicht so, wie ich es empfinde, wenn ich es sage.

„Eigentlich machen wir das nicht.“, sage ich zum Thronfolger, wenn er eine Kiste mit Bauklötzen umschmeißt. Eigentlich weiß ich, dass ich bereits verloren habe, wenn mir das Wörtchen „eigentlich“ herausgerutscht ist. Das lebt nämlich in wilder Ehe mit dem Zusatz „Aber sei’s drum!“

Eigentlich wollte ich abnehmen…

Ich glaube, diese Beziehung tut dem „eigentlich“ nicht gut. Ich werde die beiden jetzt trennen, die dürfen sich dann gerne wie Romeo und Julia vorkommen. Ich bin der Überzeugung, dass mein „eigentlich“ nicht mehr nur zaghaft fiepen sollte!

Ein „eigentlich“ darf sich stark machen! Ein „eigentlich“ darf auch mal auf sein Recht pochen und sagen: „Das ist wirklich nicht gut!“ oder „Das ist ausdrücklich so zu verstehen!“ oder „Das ist meine ganz ursprüngliche Art!“ und auch „In Wirklichkeit weißt Du selbst, dass Du nicht an Dir zweifeln brauchst!“

Eigentlich sind wir alle ganz schön großartig, wenn wir gut auf uns hören…

Könnten wir eigentlich öfter machen.

Mit freundlichen Grüßen

Fräulein Bork

P. S.: Ich dachte immer, „Eigenbrötler“ heißen so, weil die in ihrem eigenen Saft brodeln und zu wenig Input von außen erhalten. Nun sagte mir das etymologische Wörterbuch, wie es sich wirklich und eigentlich verhält:

Eigenbrötler m., auch Eigenbrödler ‘Sonderling, Einzelgänger’, literatursprachlich seit dem ersten Viertel des 19. Jhs., zuvor im Alem. ‘einen selbständigen Haushalt führender Junggeselle’ (ursprünglich ‘wer selbst sein Brot bäckt’, vgl. mhd. eigen brōt ‘eigenes Hauswesen’ und frühnhd. einbrodig ‘sein eigenes Brot, seinen eigenen Herd habend’, 15. Jh.).“

Wieder was gelernt!

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